Chronik
Volkshäuser in Deutschland
Die Volkshäuser sind das „gebaute“ Erbe“ der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Sie waren Versammlungsstätten, Organisationszentralen und Austragungsorte von Kultur, Bildung und Geselligkeit. Mit ihren Gemeinschaftsbauten schufen sich die Arbeiter eine eigene „proletarische Öffentlichkeit“ - als Gegenentwurf zur „bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit“. Zugleich spielte das Volkshaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine beachtliche Rolle im städtebaulichen und gesellschaftlichen Diskurs. Es diente als Projektionsfläche für mannigfaltige Gemeinschaftsentwürfe, Reformhoffnungen und Utopien. Ein derartiges Gebäude umfasste typischerweise Büros der Gewerkschaft und einer Arbeiterpartei, einen oder mehrere Festsäle und Räumlichkeiten, die Zwecken der Volksbildung dienten. Gelegentlich beinhalteten sie auch ein Verkaufslokal einer Konsumgenossenschaft. Vorreiter der Bewegung waren die skandinavischen Länder, gefolgt von Russland, Belgien, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Österreich-Ungarn. Später entstanden einige solcher Volkshäuser auch im Mittelmeerraum und Südamerika.
Nach 1945 entstanden in westlichen Ländern auch neue Volks- oder Arbeiterheime, allerdings ohne den architektonischen Anspruch der frühen Bauten der Arbeiterbewegung. In den sozialistischen Staaten gab es dagegen zahlreiche Neubauten, zunächst meist im neoklassizistischen Stil der Stalin-Ära. Aus dem Bautyp des Volkshauses entwickelte sich dort der des Kulturhauses, in größeren Städten der des Kulturpalastes.
Die über 300 Volkshäuser, die vor 1933 in Deutschland in Betrieb waren, sind Zeugnisse der Arbeiterbewegung und ihrer Kultur.
Quelle: Anke Hoffsten, Das Volkshaus der Arbeiterbewegung in Deutschland, Böhlau Verlag Köln Weimar Köln 15.02.2017Volkshäuser in Mecklenburg-Vorpommern
In folgenden Städten gab es in Mecklenburg-Vorpommern Volkshäuser:
- Wismar, Ankauf 1897
- Stralsund, Ankauf 1903
- Stralsund, Ankauf 1919, Abriß 1992
- Greifswald, Ankauf 1921
- Ribnitz, Ankauf um 1925
- Neubukow, Ankauf 1929
- Rostock/Mecklenburg-Vorpommern
- Gewerkschaftshaus „Philharmonie“, Doberaner Straße 134/135, Patriotischer Weg 33/35
- Ankauf 1913
- Träger Philharmonie GmbH, Rostock
- Umbau 1929
- Planung Arch. W Lütjohann, Rostock
- Verbleib Stark verändert erhalten
1907 - 1908 Bau der Philharmonie
Das Lokal mit Saalbetrieb „Philharmonie“ zwischen dem Patriotischen Weg und der Doberaner Straße wurde von 1907 bis 1908 gebaut und am 22. Dezember 1908 mit einem großen Militärkonzert der Kapelle des Großherzoglichen mecklenburgischen Füsilierregiments Nr. 90 feierlich eröffnet. Der große Saal galt als größter und schönster Saal in ganz Mecklenburg und hatte eine Länge von 25 Metern und eine Breite von 16 Metern. Er war von Logen umgeben, besaß eine Bühne und eine an drei Seiten umlaufende Galerie. Seitlich angrenzend lagen der kleine Saal und der Speisesaal.
Almsche Stadtbildchronik
„Inzwischen hatte der Besitzer der „Tonhalle“ Rudolf Ladewig im Patriotischen Weg 33 zwei große Vorderhäuser erworben, um einen großen und einem kleinen Saal zu errichten und eröffnete dort den Saalbetrieb "Philharmonie". Die ungünsäge Lage des Unternehmens, an einer verkehrsschwachen Straße wußte er zu verbessern indem er durch Zusammenlegung von Grundstücken einen zweiten Ausgang nach der Doberaner Straße schuf. Indessen hatte er sich diesen Saalbetrieb selbst eine Konkurrenz zu seinem anderen Betrieb „Tonhalle“ in der Brandesstraße. Erstaunlicherweise hat es diese Konkurrenz so extrem in den Barnstorfer Anlagen nie gegeben, denn mit der Trotzenburg, dem Waldrestamant, dem Kaffeestübchen, dem Sportpalast und dem Kaiserpavillon buhlten auf wenigen Quadratkilometern gleich fünf große Ausflugslokale mit nahezu identischen Angeboten um die Gunst der Rostocker.
Er fand infolgedessen keine Rente für das neu investierte Kapital. Dieser Situation ist es zu dankem, dass im Dezember1912 der gößte und schönste Saal Mecklenburgs der Arbeiterschaft in Rostock zu günstigen Bedingungen angeboten wurden.
1913 - 1933 Volkshaus der Arbeiterbewegung | ||
3. - 4. April 1913 | feierliche Eröffnung das Gewerkschaftshauses | |
Lied zur Ehren der Eröffnung des Gewerkschaftshauses, Text: Otto Erich Hartlebens Melodie: Walter Trutzig Es lebt noch eine Flamme, es grünt noch eine Saat - verzage nicht, noch bange: Im Anfang war die Tat. Die finstern Wolken lagern schwer auf dem grellen Laub, die welken Blätter rascheln, was glänzt, ist Herbstesstaub. Den Blick zum Staub gewendet, so hasten sie dahin, vedüstert ihre Stirnen, dumpf und gemein ihr Sinn. Doch seh ich Fäuste zittern und Schläfen fühl ich glühn, Zornadern seh ich schwellen und augen trotzig sprühn. Es lebt noch eine Flamme, es grünt noch eine Saat - verzage nicht und bange: Im Anfang war die Tat. | ||
6. April 1913 | Öffentliche Versammlung "Kapf den Kriegshetzern! Nieder mit der Heeresvorlage! Referent: Reichstagsabgeordneter Dr. Joseph Herzfeld. | |
8. April 1913 | Versammlung der Holzarbeiter - Sektion der Stellmacher | |
9. April 1913 | Mitgliederversammlung des Verbandes der Brauerei-. und Mühlenarbeiter - Zahlstelle Rostock | |
9. April 1913 | Vertrauensleute Vollverssammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes | |
10. April 1913 | Vertrauensleute Vollversammlung des Gewerkschaftskartells | |
11. April 1913 | Vortrag "Der reiche Kindersegen in der Arbeiterfamilie" | |
14. April 1913 | 32. Stiftungsfest des des Arbeiter Sängerbundes | |
6. November 1918 | Die Werftarbeiter treten in den politischen Streik, unterstützt von weiteren Betrieben. In der Philharmonie findet eine große Versammlung statt. Die Forderungen: Frieden, Wahlrecht, bessere Ernährung und Solidarität mit den Kieler Matrosen. | |
20. Januar 1919 | öffentliche Volks - Versammlung von USPD und KPD | |
1 4. - 15. März 1920 | Sozialdemokraten, Unabhängige und Kommunisten bilden einen gemeinsamen Aktionsausschuss. Das Gewerkschaftshaus „Philharmonie“ wird zum Zentrum des Widerstands gegen den Kapp‑Putsch | |
22. September 1920 | Êrstes von Paul Schulz organisiertes Volkskonzert im großen Saal der Philharmonie. Veranstalter war die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ). Anspruch dieser Konzerte war Bildung durch Musik und Öffnung der Hochkultur für Arbeiter. Die Musikalische Leitung hatte Heinrich Schulz. | |
11. Oktober 1923 | 2. Volkskonzert | |
23. Februar 1924 | 6. Volkskonzert | |
16. April 1924 | Jugendfeier des Sozialistischen Arbeiterjugend | |
Mai 1925 | Versammlung des Freigewerkschaftliches Jugendkartell Rostock zum Thema Arbeitsdienstjahr | |
13: Januar 1925 | Gast-Konzerts des Meineke'schen Männerchores | |
12. November 1925 | 6. Volkskonzert | |
26. Januar 1926 | Volkskonzert | |
7. Dezember 1926 | Invornationsveranstaltung zum Wirken gewerkschaftlicher Baugesellschaften und -genossenschaften im Norden Deutschlands. | |
29. März 1927 | Volkskonzert - Beethoven-Gedächtnisfeier | |
24. April 1927 | Bezirksparteitag der SPD | |
28. Juli 1928 | Begrüßungsfeier zur Weihe des Arbeiterstadions | |
29. Juli 1928 | Festball zur Weihe des Arbeiterstadions | |
30. April 1930 | Auftritt von Enrico Rastelli | |
30. April 1930 | Volksversammlung der SAJ "Geegen Hakenkreuz und Sowjetstern" | |
9. Mai 1931 | Bezirksparteitag der SPD | |
15. Februar 1933 | Gastspiel der Comedian Harmonists | |
23. Februar 1933 | überfiel die SA das Gebäude und verwüstete es. | |
29. März 1933 | besetzte die SA die Philharmonie offiziell im Rahmen der sogenannten „Einziehung von volks- und staatsfeindlichen Vermögen“. | |
Theater Nach der Kriegszerstörung des Stadttheater 1942 kaufte die Stadt die Philharmonie zurück und baute sie zum Theater um. | ||
13. März 1943 | Eröffnung als Neues Haus mit Beethovens Fidelio. | |
29. August 1944 | Letzte Vorstellung (Der Vetter aus Dingsda) vor der kriegsbedingten Schließung aller Theater. Danach Nutzung als Kino bis Kriegsende. | |
Neubeginn 1945 | ||
25. Mai 1945 | Erstes Konzert nach Kriegsende. | |
8. August 1945 | Start der neuen Spielzeit. | |
16. Januar 1977 | Wiedereröffnung des Großen Hauses nach dem großen Umbau 1975/76 | |